Sie kämpfen gemeinsam für die Abwahl des Timmendorfer Bürgermeisters

Sie kämpfen gemeinsam für die Abwahl des Timmendorfer Bürgermeisters am 22. November: Michael Strümpell (BBNP), Andreas Müller (WUB), Sven Partheil-Böhnke (FDP), Jan Karthäuser (Grüne) und Jörn Eckert (SPD, v.l.).FOTO: 54° / Felix Koenig

Im LN-Interview erklären fünf Fraktionschefs, warum sie für einen Personalwechsel im Rathaus sind

 

Timmendorfer Strand. Über die Parteigrenzen hinweg sind sich die Vertreter von fünf Fraktionen der Timmendorfer Gemeindevertretung einig: Seit Monaten stellen sie sich gegen den parteilosen Bürgermeister Robert Wagner, der seit Ende August beurlaubt ist. Wie sie die Wochen bis zur Abstimmung über Wagners Abwahl am 22. November gestalten wollen, berichten im LN-Interview die Fraktionsvorsitzenden Andreas Müller (WUB), Michael Strümpell (BBNP) und Jörn Eckert (SPD) sowie die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Jan Karthäuser (Grüne) und Sven Partheil-Böhnke (FDP).

Sehr geehrte Fraktionschefs, die Mehrzahl von Ihnen hat Robert Wagner 2018 im Wahlkampf unterstützt, sich aber später gegen ihn gewandt. Wie ist es aus Ihrer Sicht dazu gekommen?

Andreas Müller: Er hatte seinen Wahlkampf darauf aufgebaut, dass er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeinde zusammenbringen und ein neues Wir-Gefühl entwickeln wollte. Nachdem er die Wahl gewonnen hatte, gab es nur noch ein Ich-Gefühl. Das hat uns sehr enttäuscht, zumal er uns nach der Wahl nicht mehr für voll genommen hat.

Sven Partheil-Böhnke: Er hat sich nach seiner Wahl komplett anders gegeben als im Wahlkampf. Dadurch haben wir uns alle in ihm getäuscht. Als er sich den Fraktionen vorstellte, machte er einen durchaus smarten Eindruck, doch der ist schnell verflogen. Dann preschte er als Bürgermeister vor und entschied Dinge, für die die Politik zuständig war. Entsprechende Vorhaltungen prallten komplett an ihm ab.

2018 brachte Herr Wagner keine Erfahrungen als Bürgermeister mit – ausgenommen seine Kandidatur für dieses Amt auf Sylt, wo er 17 Prozent bei der Wahl 2014 errang. Haben Sie ihn auch unterstützt, weil Sie seine Vorgängerin Hatice Kara (SPD) nicht mehr wollten?

Sven Partheil-Böhnke: Wir haben uns zugegebenermaßen blenden lassen von seinem Auftreten. Und es gab in der Tat das Ziel, Frau Kara durch jemanden abzulösen, der es besser macht. Im Nachhinein hat sich Frau Kara allerdings definitiv als nicht schlechter dargestellt.

Jörn Eckert: Die SPD hat damals Frau Kara unterstützt und darauf hingewiesen, dass Herr Wagner null Führungserfahrung mitbrachte. Trotzdem hat er eine große Verwaltung übernommen. Es war abzusehen, dass er das nicht schafft.

Stichwort Führungserfahrung: Was kritisieren Sie am Führungsstil des Bürgermeisters?

Sven Partheil-Böhnke: Sinngemäß hat er gesagt: ,Wer sich mir nicht unterordnet, muss seinen Platz räumen.’ Das halte ich für eine katastrophale Einstellung. Das können Sie vielleicht bei der Bundeswehr so machen, aber nicht in der Wirtschaft oder in einer Verwaltung. Dort hat ein Vorgesetzter die Aufgabe, unterschiedliche Leute zu einem Team zusammenzuführen – und er muss sich dem Team, das schon da ist, anpassen.

Jan Karthäuser: Vieles, was passiert ist, können wir nicht öffentlich thematisieren. Doch wären die Bürger bei den sechs Hauptausschuss-Sitzungen zu diesem Thema zugegen gewesen, würden wir die Abstimmung am 22. November mit 85 Prozent gewinnen, daran habe ich überhaupt keinen Zweifel. Ein Beispiel ist der gescheiterte Versuch von Herrn Wagner, die Gleichstellungsbeauftragte abzuberufen. Da hatte sich jemand gegen ihn gewandt und sollte deshalb weg.

Jörn Eckert: Ich frage mich, von welchem Führungsstil wir bei Herrn Wagner reden. Ein solcher Stil ist doch gar nicht vorhanden. Woher soll er das auch haben? Wenn jemand 25 Jahre nicht im Wasser war und dann in die Ostsee geschubst wird, kann er deshalb ja auch nicht auf einmal schwimmen. Und wenn Mitarbeiter von Angst sprechen, ist das starker Tobak.

Wann haben Sie zum ersten Mal an ein Abwahlverfahren gedacht?

Michael Strümpell: Wir haben Herrn Wagner Ende Januar dieses Jahres nahegelegt, die Kommunikation mit den Mitarbeitern und mit der Politik zu verbessern. Daraufhin hat er zu mir ganz klar gesagt: ,Solange ich hier Bürgermeister bin, werde ich mich nicht verändern.’ Da war der Punkt erreicht, an dem wir uns fragten, wie weit wir mit ihm noch gehen wollen.

Herr Wagner ist seit Ende August beurlaubt. Wie beurteilen Sie die Lage im Rathaus seither?

Jörn Eckert: Das Klima ist wieder positiv. Die Menschen lächeln auf dem Flur, das war vorher nicht so. Und die Türen stehen wieder offen.

Michael Strümpell: Der Krankheitsstand ist immer noch hoch. Aber man merkt, dass die Verwaltung intern aufblüht und zur Sacharbeit zurückfindet, wenngleich sie sehr dünn besetzt ist.

Ein Vorwurf von Herrn Wagner und seinen Unterstützern lautet, dass die Kommunalpolitik nur eine Marionette als Bürgermeister wolle, um eigene Interessen durchzusetzen. Wie stehen Sie dazu?

Jan Karthäuser: Der Vorwurf ist populistisch. Ja, wir haben auch Handwerker und Hotelbesitzer in der Gemeindevertretung. Diese ist ein Querschnitt der Menschen, die hier leben und arbeiten. Wir haben aber auch Transparenzregeln, und es wird genau aufgeführt, welche Aufträge an welche Gemeindevertreter gegangen sind – und das sind nicht viele.

Andreas Müller: Das sind Behauptungen, die vielleicht bei einigen gut ankommen, genau wie die Darstellung, die Verwaltungsmitarbeiter seien angeblich alle faul, und der Bürgermeister würde jetzt mit einem harten Besen durchfegen. Aber wir machen diese Arbeit ehrenamtlich, weil uns die Gemeinde am Herzen liegt.

Jörn Eckert: Herr Wagner sieht hinter jedem Busch zwei Räuber. Er glaubt, dass die Politiker klüngeln und dass seine Mitarbeiter heimliche Bürgermeister sein wollen. Hinzu kommt, dass er sich selbst nicht reflektiert. Das ist ein Teufelskreis.

Wie wollen Sie die Bürger bis zum 22. November von Ihrer Position überzeugen?

Michael Strümpell: Wir wollen sachlich informieren – mit Flyern, Internetauftritten, Anzeigen, Info-Ständen, Informationsveranstaltungen und Präsenz.

Was passiert, wenn Herr Wagner am 22. November nicht abgewählt wird?

Andreas Müller: Das würde mit Sicherheit einen Schock in der Verwaltung geben. Wahrscheinlich würden auch einige langjährige Mitarbeiter das Handtuch werfen, die jetzt noch abwarten.

Die Bürger sollen über die Abwahl abstimmen, ohne zu wissen, wer nach Herrn Wagner als Bürgermeisterin oder Bürgermeister kandidieren würde. Ist das ein Problem?

Sven Partheil-Böhnke: Wir wollen nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Außerdem wird die Stelle öffentlich ausgeschrieben, man kann also ohnehin nicht vorhersagen, wer sich bewirbt. Wir können den Bürgern aber sagen: Alles, was kommt, wird besser sein als das, was jetzt ist.

Wie lange wird es dauern, die freien Stellen in der Verwaltung wieder zu besetzen?

Sven Partheil-Böhnke: Wenn wir wieder eine gute Verwaltungsführung haben, werden wir auch die Verwaltung wieder schlagkräftig aufstellen können, weil die Gemeinde attraktiv ist – und für viele sogar einen Lebenstraum bedeutet.

Jan Karthäuser: Wenn es sich herumspricht, dass es bei uns wieder läuft, werden auch die Bewerbungen aus der Region wieder kommen.